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Eine Grafik 30 Jahre Mädchen im Mittelpunkt

30 Jahre Mädchenhaus Bielefeld – 30 Jahre feministische Mädchenarbeit


Seit der Gründung des Vereins Mädchenhaus Bielefeld e.V. sind 30 Jahre vergangen und die Gesellschaft und damit auch die Lebensbedingungen von Mädchen und jungen Frauen haben sich verändert. Ein Anlass für uns innezuhalten, uns unserer damaligen Zielsetzung zuzuwenden und uns mit der Frage zu beschäftigen, ob und inwieweit diese Veränderungen sich auch auf das Thema „Sexualisierte Gewalt an Mädchen und jungen Frauen“ ausgewirkt haben. Auch ein Anlass zurückzublicken auf das, was wir erreicht haben.

Vor 30 Jahren haben wir mit dem Ziel begonnen, die Situation von Mädchen und jungen Frauen, die von Gewalt betroffen sind, zu verbessern.

Dabei waren unsere zentralen Anliegen, das Thema „Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen“ in den öffentlichen Fokus zu rücken, gesellschaftspolitische Diskussionen zu diesem Thema anzustoßen, strukturelle Benachteiligung von Mädchen und Frauen abzubauen sowie (vor allem) konkrete Hilfsangebote und Schutzräume für betroffene Mädchen zu konzipieren und anzubieten.

Dafür haben wir 1988 die erste Abteilung des Mädchenhauses, die Beratungsstelle für Mädchen und junge Frauen, die sexualisierte/körperliche und seelische Gewalt erfahren haben, eröffnet, gefolgt von der Zufluchtstätte, die im Jahr 1992 ihre Arbeit aufnahm.

Mittlerweile hat sich das Unterstützungsangebot des Mädchenhauses für Mädchen und junge Frauen erweitert und ausdifferenziert. So sind im Laufe der Jahre neue Themen, wie z.B. Schutz vor Zwangsheirat, Unterstützung und Schutz für geflüchtete Mädchen ebenso wie für Mädchen mit Behinderungen, dazu gekommen und entsprechende Angebote entwickelt worden.

Bei der Entwicklung neuer Angebote haben wir uns von dem Anspruch leiten lassen, immer wieder herauszufinden, was die aktuellen Herausforderungen des Aufwachsens für Mädchen sind, unter welchen Gewalt- und Diskriminierungsformen sie leiden und welche Formen der Hilfe, der Ansprache und des Zugangswegs erforderlich sind, um (gewaltbetroffene) Mädchen und junge Frauen gut zu erreichen.

Grundlage unserer beraterischen/therapeutischen Arbeit in allen Abteilungen des Mädchenhauses ist das spezifische Wissen um die vielfältigen schädigenden Folgen von Gewalt für die psychische und körperliche Gesundheit von Mädchen und jungen Frauen, ebenso wie für ihre Identitätsentwicklung und ihren Stand in der Gesellschaft. Grundlage unserer Arbeit ist auch das durch die Arbeit mit den gewaltbetroffenen Mädchen entwickelte Wissen um die Bedarfe und Bedingungen, die Mädchen brauchen, um sich zu entwickeln, zu gesunden und sich zu schützen.

Zurzeit gehören acht verschiedene Angebote zum Verein Mädchenhaus und die Kolleginnen arbeiten überwiegend in Teilzeit in interkulturellen Teams in diesen Abteilungen.

 

30 Jahre Arbeit zum Thema sexualisierte Gewalt – Reflexionen aus Beratungsperspektive


Nach wie vor erleben Mädchen und junge Frauen sexualisierte Gewalt in verschiedenen Ausprägungen und in verschiedenen Kontexten.

Auch nach 30 Jahren ist in der Beratungspraxis kein Rückgang von sexualisierter Gewalt wahrzunehmen. Im Durchschnitt über die Jahre hinweg berichten ca. 80% der Mädchen und jungen Frauen in der Beratungsstelle von sexualisierter und/oder körperlicher Gewalt.

Auch der Kreis der Täter hat sich nicht verändert. Mädchen und junge Frauen erleben sexualisierte Gewalt durch:
• enge Bezugspersonen wie Vater oder Stiefvater
• andere Familienangehörige
• Personen mit Schutzauftrag wie Lehrer und Trainer
• Gleichaltrige wie Freund oder Exfreund und Bekannte aus der Clique
• Fremdtäter

Nach wie vor leben Mädchen und junge Frauen auch mit Müttern, die sie nicht vor sexualisierter Gewalt ihrer Partner schützen (können), die ihnen die offenbarte Gewalterfahrung nicht glauben (können), die nach Gewalterfahrung nicht unterstützend reagieren oder die ihnen gegenüber selbst körperliche Gewalt anwenden.

Veränderungen nehmen wir in der Häufigkeitsverteilung der Tätergruppen wahr.

In der eigenen (nicht repräsentativen) Statistik der Beratungsstelle wird deutlich, dass sich die Anzahl der Täter aus dem familiären Nahraum im Durchschnitt in den letzten 10 Jahren (2008–2017) im Vergleich zum Durchschnittswert der 10 Jahre davor (1998–2007) um 11% leicht verringert hat (von 58% auf 47%).

Des Weiteren konnten wir eine Zunahme der Gewalt durch Beziehungspartner der Mädchen und jungen Frauen sowie durch Gleichaltrige aus der Peergroup feststellen. Dieses Phänomen wird in den letzten Jahren sowohl in wissenschaftlichen Untersuchungen als auch durch die Praktiker_innen vermehrt in den Blick genommen. Laut „Speak!-Studie“ von 2017 haben 30% der untersuchten jugendlichen Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren körperlich sexualisierte Gewalterfahrungen gemacht, die meisten durch (etwa) Gleichaltrige.

Noch immer erleben Mädchen und junge Frauen, dass ihr soziales Umfeld, dem sie sich nach erfolgter Gewalterfahrung öffnen, mit Unsicherheit, Ungläubigkeit, Verantwortungsverlagerung, Bagatellisierung, fehlender Solidarität, Täterschutz etc. reagiert.

Das Erleben von sexualisierter Gewalt schränkt die Bildungs- und Teilhabemöglichkeiten von Mädchen und jungen Frauen unmittelbar und mittelbar ein. Mädchen und junge Frauen meiden z.B. „Räume“, in denen Gewalt stattgefunden hat, um nicht erinnert zu werden, oder aus Angst vor erneuter Gewalt. Mädchen und junge Frauen schränken ihre vorher selbstverständliche Teilnahme am öffentlichen Leben nach einer Gewalterfahrung ein oder können diese nicht mehr selbständig wahrnehmen, da sie durch Traumafolgestörungen wie PTBS, Depression, Ängste oder Essstörungen dazu nicht mehr in der Lage sind. So kommt es nicht selten vor, dass die Schule oder Ausbildung abgebrochen wird oder weniger fokussiert werden kann. Noch immer wird Gewalterfahrung als Ursache zu selten in Betracht gezogen, wenn Mädchen und junge Frauen Auffälligkeiten zeigen bezüglich ihrer Leistung, ihrer Stimmung oder ihres Sozialverhaltens.

Nach wie vor leben wir in einem gesellschaftlichen Klima, in welchem Sexismus und Sexualisierung in allen Feldern
des alltäglichen Lebens wie Medien, Institutionen, sozialen Bezügen etc. wirken und als Teil von Normalität empfunden werden.

Spätestens ab dem Jugendalter wird die Bezeichnung „Mädchen“/„wie ein Mädchen sein“ allgemein als Abwertung verstanden und verwendet. Die omnipräsente sexualisierte und pornographisierte Darstellung von Frauenkörpern ebnet den Boden sowohl für grenzverletzendes Verhalten gegenüber Mädchen und Frauen als auch für die Manifestierung einer untergeordneten Position von Frauen und Mädchen. Alltägliche Grenzüberschreitungen durch Jungen und Männer, wie z.B. „in Diskotheken angefasst werden“, werden oft als unveränderbar und als zu bewältigende Aufgabe für Mädchen und Frauen von diesen wahrgenommen und verarbeitet. An dieser Stelle ließe sich die Liste der Beispiele endlos fortsetzen.

Mädchen wie Jungen werden auch heute noch durch das „Zurichten“ auf geschlechtsstereotype Rollenbilder massiv
in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt. Gleichzeitig wird damit ein Nährboden geschaffen für gestörte Bezüge zum Körpererleben (Essstörungen) und für gewaltbegünstigende und ungleichberechtigte Partnerschaftsmodelle. Zum Teil ist eine Retraditionalisierung der Gesellschaft inklusive Zunahme von Homophobie zu beobachten bei gleichzeitig stattfindenden öffentlichen, sehr ausdifferenzierten Diskursen bezüglich Geschlechterrollen, Geschlechtszugehörigkeiten, sexueller Identitäten etc.

Trotz dieser von uns aufgeführten Missstände und Versorgungslücken ist positiv zu benennen, dass der Gewaltschutz im Laufe der letzten 30 Jahre sehr viel mehr in den öffentlichen Fokus gerückt ist.

Es wurden deutliche Verbesserungen bezüglich der Prävention von sexualisierter Gewalt erreicht sowie auch deutliche Verbesserungen in der Versorgung von gewaltbetroffenen Mädchen und jungen Frauen.

Die konkrete Unterstützung für die einzelnen Mädchen und jungen Frauen konnte durch spezialisierte Hilfsangebote
erweitert werden, das Thema sexualisierte Gewalt hat inzwischen einen bedeutsameren Stellenwert in der Gesellschaft bekommen und es wurden gesellschaftliche Prozesse zur Gewährleistung eines größeren Schutzes vor sexualisierter Gewalt initiiert. Durch das Amt des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Herrn Johannes-Wilhelm Rörig, ist von der Bundesregierung eine Schnittstelle zwischen Politik, Fachkräften und Gesellschaft geschaffen worden, um Hilfen und Beratung für Betroffene voranzutreiben, sowie einen besseren Opferschutz und Prävention zu gewährleisten. Dabei sieht auch Herr Rörig einen Bedarf der deutlicheren Positionierung gegen sexuelle Gewalt durch die Gesellschaft und konstatiert: „Sexuelle Gewalt ist ein permanentes und
besonders tabuisiertes Problem unserer Gesellschaft. Noch immer wird viel zu oft weggeschaut und geschwiegen, aus Angst, Scham und Unsicherheit. […] Die Zeit befristeter Minimallösungen im Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen muss vorbei sein.“ (Pressemitteilung, 05.10.2017, https://beauftragter-missbrauch.de)

Aus diesem Grund ist von Herrn Rörig im Herbst letzten Jahres ein „Programm zur konsequenten Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen“ vorgestellt worden. Das Programm umfasst die Bereiche Schutz, Hilfen, Verfahren, Forschung/Lehre, Aufarbeitung, Aufklärung und Sensibilisierung sowie die Verabschiedung eines Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetzes. Durch unsere kontinuierliche Arbeit im Verein geben auch wir immer wieder Impulse in die Öffentlichkeit, die darauf abzielen, dass Gewalt gegen Mädchen und junge Frauen als gesamtgesellschaftliche Verantwortung ernstgenommen wird, um der themenimmanenten Tabuisierung entgegenzuwirken.

An dieser Stelle möchten wir beispielhaft Zukunftsvisionen benennen, welche den Gewaltschutz nachhaltig fördern würden:

• flächendeckend niedrigschwellige, spezialisierte Anlauf-, Beratungs- und Schutzstellen, welche sich sowohl inklusiv an alle Mädchen und jungen Frauen richten als auch bezogen auf das Angebot und das „Ansprachekonzept“ ausdifferenzieren, um der jeweiligen Lebenswelt der Mädchen gerecht zu werden (Mehrsprachigkeit, Vielfalt der
Zugangswege, gesellschaftspolitische Kampagnen)
• flächendeckende Anwendung der mittlerweile entwickelten Schutzkonzepte
• flächendeckende Bereitstellung von Präventionsprojekten, welche die Selbstbestimmung von Mädchen und jungen Frauen fördern
• Ausbau von Präventionsangeboten, die zum Ziel haben, gleichberechtigte, gewaltfreie Partnerschaftsmodelle sowie bezogene gleichberechtigte Sexualität zu fördern
• Entwicklung von Präventionsangeboten, die neben der Prävention von Opferschaft auch Prävention von Täterschaft in den Blick nehmen, um z.B. die Entwicklung „feindseliger Männlichkeit“ und „beziehungsloser Sexualität“ als Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt von Männern gegenüber Frauen zu verhindern
• flächendeckende Präventionsangebote für (werdende) Eltern, um transgenerationale Weitergabe von Gewalt und Traumatisierung zu verhindern sowie Achtsamkeit und Feinfühligkeit gegenüber Kindern zu fördern

Für einen gelebten Gewaltschutz innerhalb von Institutionen ist es wichtig, dass die entwickelten Schutzkonzepte
dort einen angemessenen Stellenwert erfahren. Deshalb sehen wir die Adaptierung und Implementierung von Schutzkonzepten inklusive Beschwerdemanagement in allen Institutionen und Einrichtungen sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich als zwingend erforderlich an.

Alle Mädchen und Jungen müssen die von ihnen besuchten Einrichtungen und Lebensräume als geschützte und sichere Räume wahrnehmen können. Hierfür ist eine Kultur der Achtsamkeit vonnöten, die (potentiellen) Machtmissbrauchsstrukturen in Organisationen entgegensteht und die durchgängig und auf allen Team- und Leitungsebenen gelebt und gearbeitet wird.

Institutionelle Strukturen, die der Achtsamkeit im Miteinander Rahmen und Raum geben, sowohl für die Mitarbeitenden als auch für die Zielgruppe Kinder und Jugendliche, wirken im doppelten Sinne gewaltpräventiv. Diese sollten sich auch im jeweiligen Leitbild einer Organisation wiederfinden und verbindlichen Charakter haben. Leitbilder, die als andauernder Prozess der Selbstreflexion innerhalb einer Organisation verstanden werden, dienen des Weiteren dazu, sich der eigenen Prämissen zu vergewissern bzw. sie kritisch unter die Lupe zu nehmen, wenn nötig zu verändern
sowie das pädagogische und therapeutische Handeln weiterzuentwickeln. Hierzu bedarf es der Bereitschaft und
Offenheit aller in der Organisation tätigen Menschen, sich mit der eigenen Persönlichkeit und Wirkung auf die Zielgruppe, besonders in Bezug auf Grenzen, auseinanderzusetzen. In diesem Sinne haben wir im Jahr 2017 die Leitsätze des Mädchenhauses aktualisiert und neu verfasst. In diesen Leitsätzen bilden sich unser Selbstverständnis, unsere grundsätzliche Zielrichtung und unsere Visionen ab. Sie zeigen auf, welche Werte und Prinzipien hinter unserem pädagogischen und therapeutischen Handeln stehen.


Team Beratungsstelle

 

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