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Eine weinende Braut vor schwarzen Hintergrund.

10 Jahre Präventionsarbeit in Schulen zum Thema Zwangsverheiratung

Einblicke in die Arbeit der Fachberatungsstelle gegen Zwangsheirat

Seit zehn Jahren bietet die Fachberatungsstelle gegen Zwangsheirat des Mädchenhaus Bielefeld e.V., gefördert vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalenein umfangreiches Präventions-, Informations-, und Beratungsangebot für Betroffene, Unterstützungspersonen und Multiplikator_innen aus NRW an. Herzstück des Gesamtprojektes sind die 35 – 40 eintägigen Präventionsveranstaltungen für Mädchen und junge Frauen, welche die Fachberatungsstelle an weiterführenden Schulen verschiedener Schulformen aus ganz NRW jährlich kostenfrei durchführt. Darüber hinaus werden Projektwochen angeboten, in welchen sich die Mädchen und jungen Frauen intensiver mit dem Thema Zwangsverheiratung und den damit verbundenen Themenfeldern auseinandersetzen und diese aus verschiedenen Perspektiven beleuchten können. Als zusätzlichen Mehrwert dieser Projektwochen sind bisher zwei sehr wertvolle Ergebnisse in Form einer Postkarte und eines Kurzfilms von Mädchen – für Mädchen entstanden, die als Öffentlichkeits- und Präventionsmaterial eingesetzt werden.

Zielgruppe

Mädchen und junge Frauen ab der 8. Klasse im Alter zwischen 14 und 22 Jahren mit und ohne familiäre Migrationsgeschichte werden in Schulen erreicht. Die interkulturellen Gruppen von 10 – 12 Mädchen sollten in der Zusammensetzung sehr vielfältig sein, so dass optimaler Weise potentiell oder aktuell vom Thema Zwangsverheiratung „Betroffene“, potentiell „Mit-Betroffene“ wie Partnerin/Freundin/Verwandte sowie auch „Nicht-Betroffene“ im Sinne von Multiplikator_innen für das Thema erreicht werden können. Aufgrund dieser Gruppenzusammensetzung soll eine Stigmatisierung der „vermeintlichen“ Betroffenengruppe vermieden und gleichzeitig soll die Sensibilisierung für die behandelten Themen bei den Schüler_innen breiter gestreut werden.


Präventionskonzept

Das Präventionskonzept zum Thema Zwangsverheiratung ist modular aufgebaut und hat sich in den letzten zehn Jahren gemäß den veränderten Bedarfen der Mädchen und der Bedingungen an den Schulen verändert und weiterentwickelt. Mit verschiedenen Methoden und Ansprachekonzepten werden Themen behandelt, von denen die Erfahrung zeigt, dass diese mit der Möglichkeit der einzelnen Mädchen zusammenhängen, eine drohende Zwangsverheiratung als solche wahrzunehmen, sich gegen eine Zwangsverheiratung zu wehren bzw. sich bei angedrohter oder angekündigter Zwangsverheiratung professionelle Hilfe zu holen. Auf diese Weise verfolgen wir mit den angebotenen Inhalten ein primär- als auch sekundärpräventives Ziel. Die Mädchen und jungen Frauen sollen psychoedukativ einen Wissenszuwachs bekommen, über kreative und spielerische Zugänge ihre Einstellungen überprüfen, erkennen oder entwickeln. Zudem lernen sie durch den konkret erlebten Gruppenprozess Wertschätzung von Vielfalt und Unterschiedlichkeit kennen und erhalten emotionale Ermutigung zur Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit.

Des Weiteren soll die Veranstaltung ein Türöffner zum Beratungssystem darstellen. Um dies zu erreichen, ist es hilfreich, dass die Veranstaltungen im interkulturellen Team (mindestens eine Pädagogin sollte über eigene familiäre Migrationsgeschichte verfügen) durchgeführt werden, so dass den Mädchen eine höhere Identifikationsmöglichkeit
angeboten wird. Das Beziehungsangebot während der Veranstaltung ist ein wichtiger unspezifischer Wirkfaktor, der einen entscheidenden Einfluss darauf hat, ob die Mädchen soweit „erreicht“ werden, dass sie im Falle der (Mit)Betroffenheit Hilfe (auf)suchen.
Ziele im Einzelnen:
Empowerment
• Stärkung und Aufklärung über Rechte und (Gleich-) Wertigkeit von Mädchen und Frauen
• Wissenserwerb über Menschenrechte und Menschenrechtsverletzung
• Abbau von Vorurteilen bezogen auf kulturelle und religiöse Zugehörigkeiten
• Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen (im interkulturellen Kontext)
• Wissenserwerb über Hilfe- und Beratungsmöglichkeiten für Mädchen in Notlagen, insbesondere bei (drohender) Zwangsverheiratung und Gewalterfahrungen
• Ermöglichung neuer Erfahrungen von gegenseitigem Respekt, Begegnung, Solidarität (statt Kontrolle), Verständnis
und Unterstützung in einem geschützten Rahmen
• Erleben von Wertschätzung verschiedener kultureller und religiöser Zugehörigkeiten
• Persönlicher Austausch über Themen wie z. B. Liebe, Partnerwahl, Lebensplanung, Sexualität, Selbstbestimmung,
Bedeutung der Berufstätigkeit, weibliche Identität, Gleichberechtigung der Geschlechter, etc.
• Ressourcenaktivierung und Erweiterung von vorstellbaren Handlungsoptionen
• Abbau von Mythen über Jungfräulichkeit, Homosexualität, sexualisierte Gewalt
• Auseinandersetzung mit psychosozialen Folgen einer ungewollten Ehe
• Abbau von Hürden und Vorurteilen bezüglich spezifischer Beratungsangebote
• Abbau von stereotypen Geschlechterrollen

Methoden

Die für die oben genannten Ziele zu bearbeitenden Themen werden mit Methoden des lebendigen Lernens, mit unterschiedlichen Inputformen, mit kreativen Elementen, in Einzel- und Kleingruppenarbeit, als Rollenspiele, Körperübungen und Fantasiereisen angeboten.

Die Eröffnung verschiedenster Spiel-, Lern- und Kommunikationsmöglichkeiten zur Förderung und Stärkung von Identität, Persönlichkeit und Handlungskompetenz ist dabei neben den spezifischen Inhalten von zentraler Bedeutung. Die angebotenen Methoden werden als Werkzeuge verstanden, deren Bezug zur jeweiligen Aufgabenstellung transparent gemacht wird. Die Auswahl der Methoden richtet sich nach den jeweiligen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Lebenswirklichkeiten der Teilnehmerinnen. Beim Angebot und der Durchführung der Methoden ist besonders darauf zu achten, dass das Wohlbefinden und die Grenzen der Teilnehmerinnen bei den oft schambesetzten Themen Respekt und Achtung erfahren und auf diese Weise immer auch Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit in der Gruppe erlebbar werden.

Im Folgenden werden einige Methode exemplarisch vorgestellt, die während der Veranstaltung Anwendung finden. Allen Methoden vorgeschaltet ist immer die gemeinsame kurze Erarbeitung und Festlegung von Gruppenregeln wie Respekt, Verschwiegenheit, Ausredenlassen usw.

Namensspiel als Warm Up

Dies ist eine Methode für die Auflockerungs- und Kennlernphase, bei der den Mädchen die Aufgabe gegeben wird, sich mit ihrem Namen vorzustellen und etwas über die Herkunft, die Bedeutung und die familiäre Geschichte ihres Namens zu erzählen. Die Mädchen erzählen in der von ihnen gewählten Ausführlichkeit darüber, was sie darüber wissen, wer den Namen warum ausgewählt hat, was er bedeutet, für sie bedeutet oder ob sie ihn schön oder passend für sich finden. Durch die vielfältigen Herkunftsländer der Namen wird die kulturelle Vielfalt in der Gruppe deutlich und erfährt positive Wertschätzung. Des Weiteren erhalten die Mädchen Raum, sich mit ihrem Namen und der zugehörigen Geschichte zu zeigen. Für Mädchen, die keine Bedeutung ihres Namens oder Geschichte zu ihrer Namensgebung kennen oder erzählen wollen, halten die Pädagoginnen Namensbücher bereit und/oder fordern dazu auf, zuhause nachzufragen.

Das „Was-wäre-wenn-Spiel“

„Was – wäre – wenn – Fragen“ eignen sich, um Positionierungen und Überzeugungen zu überprüfen bzw. sich über die angesprochenen Themen auseinanderzusetzen.

Selbstbestimmungs-Themen wie z.B. Geschlechterrollen im interkulturellen Kontext, Liebe, Partnerwahl, Lebensplanung, Wichtigkeit eines Berufs in Bezug auf die eigene Unabhängigkeit und interkulturelle Konflikte werden aufgeworfen und diskutiert. Über die Auseinandersetzung mit diesen Themen sollen die Mädchen in ihrer Selbstwirksamkeit und der Wahrnehmung potentieller Handlungsspielräume gestärkt werden. Für Akzeptanz von sexueller, geschlechtlicher, kultureller und religiöser etc. Vielfalt wird im Diskussionsprozess sensibilisiert.
Beispiele:
• Was wäre, wenn du dich verliebt hättest, deine Familie aber dagegen wäre?
• Was wäre, wenn sich deine Schwester in ein Mädchen verlieben würde?
• Was wäre, wenn deine Freundin ihren Freund heiraten will, ihre Eltern aber dagegen wären?
• Was wäre, wenn dein Freund eine andere Religion leben würde als du?
Jeweils ein Mädchen zieht eine Frage und beantwortet sie. Je nach Absprache können die Inhalte im begrenzten zeitlichen Umfang danach in der Gruppe diskutiert werden.

Kreatives Arbeiten

In kreativer Einzelarbeit oder Kleingruppenarbeit z.B. zum Thema Zukunft/Partnerschaft/Beruf haben Mädchen die Möglichkeit ihre Wünsche in Form von z.B. Malen oder Erstellen von Collagen Ausdruck zu verleihen. Kreatives Arbeiten ermöglicht, einen nicht-sprachlichen Zugangsweg zu beschreiten und eventuell neu kennenzulernen, sich selbst als wirksam zu erleben und damit innere Vorstellungen, Überzeugungen und Eindrücke zum Ausdruck zu bringen.

Die Teilnehmerinnen können in ihren Bildern und Collagen ihre Wünsche ausdrücken, sich von ihren eigenen Fähigkeiten und Interessen leiten lassen, sie dürfen ihre Rechte einfordern, Ziele verfolgen, Ideen in Worte und Bilder fassen, sich selbst entdecken und damit exemplarisch Zukunft gestalten.

Rollenspiele

Die Teilnehmerinnen erhalten in Kleingruppen eine Szenenbeschreibung zum Thema Zwangsverheiratung und bekommen die Aufgabe, die Szene in Rollenbesetzung und -ausgestaltung selbst zu verteilen, vorzubereiten und in der Großgruppe vorzuspielen.

Die Methode Rollenspiel eignet sich gut zur Auseinandersetzung mit dem Thema Zwangsverheiratung, da ein spielerischer Kontakt zu einem ernsten Thema hergestellt werden kann, die verschiedenen Perspektiven der an einer Zwangsverheiratung Beteiligten sichtbar gemacht werden und im selbst gestalteten Spiel Strategien und Lösungen ausprobiert und besprochen werden können. Auf diese Weise kann Perspektivwechsel geschult werden, Empathie, Selbstwahrnehmung, Kommunikations- und Problemlösefähigkeit gefördert werden sowie insgesamt das Erleben von potentiellen Handlungsalternativen. Das Nachempfinden der zu spielenden „Realität“ befähigt die Teilnehmerinnen, Konflikte und Ambivalenzen wahrzunehmen, zu analysieren und darauf entsprechend zu reagieren. Sie können die eigenen Reaktionsweisen im Spiel bewusst erleben und neue Verhaltensweisen ausprobieren.

Vorstellen der Website inklusive Onlineberatung der Fachberatungsstellegegen Zwangsheirat sowie anderer Hilfsangebote

Um Barrieren zu Hilfsangeboten abzubauen, wird den Mädchen und jungen Frauen die sechssprachige Website der
Fachberatungsstelle vorgestellt, inklusive der Online-Beratung auf dem geschützten Beratungsportal. Schritt für Schritt können die Mädchen und jungen Frauen auf ihrem Smartphone die Schritte zur Anmeldung ausprobieren und erhalten damit auch gleichzeitig Informationen über Datenschutz und Sicherheit im Umgang mit sensiblen Daten im Netz. Des Weiteren werden ihnen auch andere Hilfsangebote wie anonyme Schutzeinrichtungen und Beratungsstellen für verschiedene Anliegen nähergebracht.

Wirksamkeit

Die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu bestimmen, ist grundsätzlich ein schwieriges Thema, insbesondere bei einem schambesetzen Thema wie Zwangsverheiratung, bei dem die Dunkelziffer der Betroffenen hoch ist. Darüber
hinaus ist die Frage, welche Wirksamkeitsindikatoren betrachtet werden und in welchem Zeitraum. Die Präventionsveranstaltungen werden bewusst ab der 8. Klasse durchgeführt, damit potentiell Betroffene möglichst frühzeitig erreicht werden, bevor das Thema bei ihnen aktuell wird. Aufgrund unserer eigenen statistischen Auswertung lässt sich sagen, dass ca. 20 % der Ratsuchenden, die Angaben darüber machen, über wen sie von unserem Beratungsangebot erfahren haben, benennen, über die Schule von uns erfahren zu haben. Des Weiteren können wir feststellen, dass aus den Städten, in denen schon Präventionsveranstaltungen angeboten wurden, die Anfragen steigen oder höher liegen. Auch während der Veranstaltungen eröffnen Teilnehmerinnen immer wieder, dass sie von den angesprochenen Problemen betroffen sind und werden im Anschluss beraten.

Ausblick und Grenzen

Der Präventionsarbeit, die bei den Mädchen und junge Frauen ansetzt, sind sicherlich Grenzen gesetzt. Gerade die
Druck ausübenden Familienmitglieder müssten ihre Einstellungen und ihr Verhalten ändern, damit die Mädchen und
jungen Frauen erst gar nicht in die Not geraten, sich gegen eine Zwangsverheiratung wehren zu müssen bzw. eine Entscheidung für oder gegen die Familie treffen zu müssen, wenn sie ihre_n Partner_in selbst aussuchen möchten.

Gesellschaftliche Veränderungsprozesse sind immer noch dringend erforderlich, damit geschlechtsspezifische Gewalt beendet wird und allen Mädchen und Frauen das Menschenrecht auf freie Partner_innenwahl und Selbstbestimmung
zuteil wird. Hier sind sicherlich auch gezielte Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagnen mit der Zielgruppe Eltern hilfreich, um diese darüber aufzuklären, welche psychosozialen Folgen eine Verheiratung gegen den Willen ihrer Kinder haben kann, welche anderen Formen von „Absicherung für Mädchen“ zur Verfügung stehen, dass Zwangsverheiratung keine religiöse Legitimität hat, wie gewaltfreie Erziehung gelebt werden kann etc.

Vor neuen Herausforderungen stellen uns aktuell die neu zugewanderten/geflüchteten Mädchen und jungen Frauen.
Modifizierte Präventions- und Ansprachekonzepte sind von Nöten (und werden derzeit entwickelt), um den Bedarfen dieser Zielgruppe gerecht zu werden.

Sylvia Krenzel und Sevilay Inci-Kartal | Erstveröffentlichung | Betrifft Mädchen 1/2018

Angebot | Zwangsheirat

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