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Eine Gruppe gut gelaunter Mädchen, zwei von ihnen pusten Seifenblasen

Ferien-/Heiratsverschleppung

Die Ferien rücken näher, für einige Schülerinnen und Schüler geht damit eine Ferien-/Heiratsverschleppung im Herkunftsland einher.

Artikel Rheinische Post | 10.07.2019

Vor den Sommerferien: Gefahr Zwangsehe

Düsseldorf. Auch in der zweiten und dritten Migranten-Generation sind Frauen in Deutschland immer noch von Zwangsverheiratung bedroht. Besonders vor den Sommerferien steigen die Anfragen in den Beratungsstellen, weil Mädchen Angst haben, aus dem Urlaub im Herkunftsland ihrer Familie nicht zurückzukommen. Als Ausweg bleibt manchmal nur der Bruch mit den Eltern.

Wenn Lendita Mustafaj (Name geändert) von dem Tag erzählt, als sie ihre Familie verlassen hat, sind die ganzen Gefühle wieder da. Es war ein Frühlingstag Ende der 90er Jahre – „es war warm, aber noch nicht richtig Sommer. Vielleicht war es April oder Mai“, erzählt sie. Damals wartete sie bis niemand mehr zu Hause war, packte einen Rucksack mit ein paar persönlichen Sachen und verließ ihr Elternhaus für immer. „Ich war gerade 18 geworden und wusste, dass meine Eltern zumindest rein juristisch nicht mehr über mich bestimmen durften“, sagt Mustafaj. Sie wollte sich dem strengen Regiment der Eltern entziehen, nicht den Mann aus Albanien heiraten müssen, den sie für sie ausgesucht hatten. Sie zog zu einer Arbeitskollegin aus der Ausbildung, die sie damals absolvierte, und brach den Kontakt zunächst ab. Ihren neuen Wohnort hielt sie über Jahre geheim.

Immer wieder werden Mädchen mit Migrationshintergrund gegen ihren Willen im Herkunftsland der Familie verheiratet. Kurz vor den Sommerferien steigt die Anzahl der Beratungsanfragen in den Hilfestellen zu dem Thema. Nicht immer wissen die Mädchen, was beim Heimaturlaub auf sie zukommt. Manchmal werden sie auch unter einem Vorwand ins Ausland gelockt. Beispielsweise dass ein Verwandter im Sterben liege und man deswegen schnell in die Türkei, den Irak oder ein anderes Land reisen müsse. Vor Ort warten dann ein ausgesuchter Verlobter und eine von den Eltern arrangierte Ehe auf sie.

Dabei sind Zwangsverheiratungen entgegen vieler Klischees nicht allein ein islamisches Phänomen, sondern finden sich vor allem in Familien mit streng patriarchalischen Strukturen. 150 Fälle betreut die Fachberatungsstelle gegen Zwangsheirat in NRW jedes Jahr, die Dunkelziffer betroffener Mädchen wird deutlich höher geschätzt. Die Beratungsstelle ist beim Mädchenhaus Bielefeld angesiedelt und hat vor wenigen Wochen ein Informationsblatt für Schulen in NRW rausgegeben, um Lehrer und Schulsozialarbeiter auf das Problem aufmerksam zu machen. „Die Schule ist oft der einzige Lebensraum, wo die betroffenen Mädchen ohne familiäre Kontrolle agieren können“, sagt Sylvia Krenzel , die die Fachberatungsstelle leitet. Zwar melden sich das ganze Jahr über Betroffene und suchen Hilfe, jedoch müsse kurz vor den großen Ferien besonders schnell gehandelt werden. „Wenn die Mädchen erst einmal ihren Abschluss gemacht haben, ist der Einfluss der Schule vorbei, und es ist viel schwieriger Kontakt zu ihnen aufzunehmen.“

Oft suchen Mädchen und junge Frauen viel zu kurzfristig nach Hilfe. „Viele verdrängen das dumpfe Gefühl im Bauch. Erst wenn der Hochzeitstermin schon steht und die Flugtickets gekauft sind, merken sie, dass ihre Familie es wirklich ernst meint“, erzählt Krenzel. In solchen Fällen versucht die Beratungsstelle, alles daran zu setzen, dass die junge Frau Deutschland gar nicht erst verlässt. Eine Betroffene aus dem Ausland wieder zurückzuholen, ist sehr viel schwieriger als hier Einfluss zu nehmen. Oft nehmen die Familienmitglieder ihr in solchen Fällen die Pässe ab. Entscheidend sind das Alter und die Staatsangehörigkeit der Betroffenen. „Für Unter-18-jährige Deutsche ist das Jugendamt ohne Wenn und Aber zuständig. Liegt der Fall anders, liegt es im Ermessen der Behörde, ob und wie sie vorgeht“, so Krenzel.

Aber welche Möglichkeiten gibt es für Mädchen, sich einer Zwangsheirat zu entziehen? Bei rund einem Drittel aller Beratungen steht laut Fachberatungsstelle eine Inobhutnahme im Raum. Das bedeutet, dass die Mädchen ihre Familie verlassen, den Kontakt abbrechen und an anderer Stelle ein neues Leben beginnen. Ein radikaler Schritt.

Wie radikal, das bekam Lendita Mustafaj zu spüren. „Am schwierigsten war es für mich, meine jüngeren Geschwister zurückzulassen“, berichtet sie. Einige Zeit, nachdem sie damals ihre Familie verlassen hat, gab es wieder unregelmäßigen Kontakt, die junge Lendita wurde bedrängt, wieder zurückzukommen. Sie brächte Schande über die Familie, den Eltern drohe der totale Gesichtsverlust innerhalb der albanischen Gemeinschaft, die soziale Isolation. Die Eltern würden krank vor Sorge. Die kleinen Geschwister vermissten sie schrecklich. Sie sei verantwortlich für das Unglück ihrer gesamten Familie. „Diesen Vorwürfen standzuhalten war das Schwerste“, erinnert sich Mustafaj. Dabei wollte sie nie ganz mit ihrer Familie brechen oder gar ihre Herkunft verleugnen. Ihren Mädchenname trägt sie bis heute. „Ich wollte einfach selbst über mein Leben bestimmen.“ Ohne die Unterstützung ihrer Kollegin und ihres Ausbildungsbetriebes hätte sie es damals nicht geschafft.

„Ein gutes Netzwerk ist Voraussetzung, um eine so folgenreiche Entscheidung durchzuziehen“, weiß auch Adrijane Mehmetaj-Bassfeld von Agisra e.V.. Der Verein aus Köln begleitet junge Frauen auf dem Weg aus der Familie. Dieser werde zusätzlich dadurch erschwert, dass die Frauen sich nach dem Schritt in die Selbstständigkeit häufig Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt sehen, so Mehmetaj-Bassfeld. „Viele Frauen trauen sich nicht, weil sie ahnen, dass sie dann nicht nur mit dem Alleinsein, sondern noch mit ganz anderen Problemen zurechtkommen müssen.“

Auch Lendita Mustafaj musste solche Erfahrungen machen. „Nachdem ich meine Familie verlassen hatte, wollte ich eine eigene Wohnung mieten. Die Vermieter zogen mir den Mietvertrag unter der Nase weg, als sie meinen ausländischen Nachnamen hörten“, erinnert sie sich. Heute mit Anfang 40 hat sie Distanz und kann gut von ihrer Situation erzählen, damals als 18-jähriges Mädchen zerriss es ihr oft das Herz vor lauter Verzweiflung. Inzwischen hat Mustafaj sogar wieder respektvollen Kontakt zu ihren Eltern, für ihre Geschwister war sie ein Vorbild. Auch sie haben sich gegen eine erzwungene Ehe innerhalb der albanischen Gemeinde gewehrt und ihre Lebenswege selbst gestaltet.

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